Geleitwort
Wir kamen schnell über das übliche
„Wie geht’s?“ hinaus. Am Ski-Lift vom Monte Piz auf
der Seiser Alm hatten wir uns schon in den Jahren zuvor
getroffen. Jetzt saßen wir kurz nach Weihnachten
1983 wieder auf der kleinen Bank vor dem Maschinenhaus.
Ich wußte nicht nur von meiner
Mitarbeit bei der großen Vollversammlung des Ökumenischen
Rates in Vancouver/Kanada zu berichten. Auch davon,
daß ich Anfang Dezember beinahe an einer Magenblutung
gestorben wäre. Ein Wunder, daß ich mich
jetzt neu am Leben freuen und den Winter in dieser schönen
Landschaft genießen konnte.
Da hatte Baldur Drobnica freilich
von einer ganz anderen wunderbaren Rettung zu erzählen.
Leise, Stück um Stück, aber in tiefer innerer
Bewegung, ließ er mich teilhaben an diesem Widerfahrnis
im Chinesischen Meer.
Jetzt liegt dieses Über-Lebensbekenntnis
in schriftlicher Form vor.
Der Bericht vom bitteren Scheitern
eines Funkertraums. Zeilen gezeichnet von tiefer Trauer,
auch vom Hader mit Gott. Aber mehr noch liegt hier ein
Logbuch des Glaubens vor, der weiter reicht als alles
Begreifen.
Eine lebendige Stimme kündigt
dem Schiffbrüchigen die Rettung für den zehnten
Tag an. Das Bibelwort vom Konfirmationstag gewinnt überraschende
Bedeutung. In der Gemeinschaft der im Kleinboot Verlorenen
kommt es zu einem Beten, das kirchliche Konventionen
hinter sich läßt.
Irgendwie gibt James C. Whittakers
Erzählung „Es war, als sängen die Engel“ musterhafte
Züge in die Erwartung der neuerlich den Wüsten
des Pazifischen Ozeans Ausgelieferten. Die Rettung kommt
am zehnten Tag in letzter Sekunde. Aber nicht für
alle.
Daß Baldur Drobnica mit seiner
Glaubenserfahrung nicht alleingelassen werden darf,
haben inzwischen hoffentlich schon viele einzelne, auch
Gruppen und Gemeinden, begriffen. Die besondere Erfahrung
dieser Art kann zur Last werden, wenn sie nicht in Verbindung
mit gottesdienstlichem Lobgesang und Glaubensbekenntnis
einen anerkannten Ort in den Zusammenkünften der
Christen findet.
Schon in der Stunde unserer Begegnung
auf der Seiser Alm fragte Baldur Drobnica:
„Muß
ich mein Versprechen nicht auch dadurch erfüllen,
daß ich gerade vor Konfirmandengruppen von meiner
Geschichte mit dem lebendigen Gotteswort erzähle?“
Der nun vorliegende Bericht kann
das versprochene Zeugnis einem noch größeren
Kreis von Menschen aller Lebensalter vermitteln. Er
trägt die Züge nüchterner Selbstprüfung.
Zugleich macht er Mut, sich der Gottesfrage mit neuem
Vertrauen zu stellen.
Propst Dr. Dieter Trautwein
Frankfurt/Main im
Oktober 1992 |